Vom Außer-sich-sein und Zu-sich-kommen
- Arne Zels
- 20. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Achtsamkeit ist ein Begriff, der in den letzten Jahren fast allgegenwärtig geworden ist. In Unternehmen, in Partnerschaften, in Schulen, in Therapieräumen. Und das nicht ohne Grund. Wo Menschen miteinander in Kontakt sind – und auch dort, wo sie mit sich selbst allein sind – spielt es eine entscheidende Rolle, ob sie wirklich da sind oder innerlich längst woanders.
Manchmal spüren wir eine Art leise Sehnsucht. Es fehlt etwas. Wir sind beschäftigt, funktionieren, reagieren – aber irgendwie nicht ganz anwesend. Dieses „Etwas“, das fehlt, nennen viele Achtsamkeit.
Aber was genau ist das eigentlich?
Eine einfache Definition lautet:Achtsamkeit bedeutet, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen – ohne ihn sofort zu bewerten oder verändern zu wollen.
Eine zweite, etwas psychologischere Beschreibung:Achtsamkeit ist die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen zu registrieren, während sie geschehen, statt sich unbemerkt von ihnen mitreißen zu lassen.
Und aus therapeutischer Sicht kann man sagen:Achtsamkeit ist die Bereitschaft, das eigene Erleben anzunehmen, auch wenn es unangenehm ist.
In der Gestalttherapie sprechen wir allerdings häufiger von Awareness. Das ist nicht ganz dasselbe. Während Achtsamkeit oft als eher beobachtende, innere Haltung verstanden wird, meint Awareness im gestalttherapeutischen Sinn ein lebendiges Gewahrsein im Kontakt. Es geht nicht nur darum, etwas zu bemerken, sondern es im Hier und Jetzt zu erleben – in Beziehung zu sich selbst, zum Gegenüber und zur Situation. Awareness ist prozesshaft, relational und immer eingebettet in das, was gerade zwischen Menschen geschieht.
In meiner Arbeit ist Achtsamkeit nichts Spektakuläres. Kein Räucherstäbchen, kein besonderer Sitz, kein spiritueller Ausnahmezustand. Sie zeigt sich vielmehr in einer sehr schlichten Frage:Bin ich gerade bei mir – oder bin ich außer mir?
„Außer sich sein“ kennen wir alle. Es beschreibt diesen Zustand, in dem wir von Emotionen, Gedanken oder äußeren Ereignissen regelrecht mitgerissen werden. Wir reagieren, statt zu antworten. Wir werfen dem anderen etwas vor. Wir suchen Schuldige. Wir verteidigen uns. Oder wir fliehen – ins Handy, in Ablenkung, in innere Gedankenschleifen.
Solange uns die Welt nicht besonders fordert, glauben wir oft, wir seien ganz bei uns. Doch viele Menschen merken schnell: Allein mit sich zu sein, ohne Ablenkung, ohne Input – das ist gar nicht so einfach. Kaum entsteht Leere, greifen wir zum Smartphone. Kaum taucht Unruhe auf, lenken wir uns ab. Und schon sind wir wieder außer uns.
In Konflikten wird dieses Außer-sich-Sein noch deutlicher. Ein klassisches Beispiel ist ein Streit in einer Partnerschaft. Schnell entstehen sogenannte Du-Botschaften: „Du hörst mir nie zu.“ „Du bist immer so…“ Emotionen kochen hoch. Verantwortung wird verschoben. Die eigenen Gefühle werden dem Gegenüber zugeschrieben. Und der andere verteidigt sich – oder greift zurück an.
Beide sind außer sich.
Was würde passieren, wenn es gelänge, in genau diesem Moment zu sich zu kommen?
Zu-sich-kommen heißt nicht, Gefühle zu unterdrücken. Es bedeutet, sie zu bemerken und als eigene innere Bewegung zu erkennen. Statt „Du machst mich wütend“ könnte innerlich entstehen: „Ich merke, wie wütend ich gerade bin.“ Das klingt nach einer kleinen Verschiebung. In Wahrheit ist es ein fundamentaler Unterschied. Im ersten Fall bin ich ausgeliefert und reagiere. Im zweiten Fall bin ich in Kontakt mit mir selbst.
Zu-sich-kommen beginnt oft mit einem winzigen Innehalten. Ein Atemzug. Ein kurzer innerer Schritt zurück. Die Frage:Was geschieht gerade in mir?
Vielleicht spüre ich Druck in der Brust. Vielleicht Hitze im Gesicht. Vielleicht einen alten Schmerz, der sich meldet. Bei-sich-sein heißt, dieses Erleben nicht sofort wegzudrücken oder jemand anderem zuzuschieben, sondern es anzuerkennen.
Das ist kein Rückzug aus dem Kontakt, sondern im Gegenteil die Voraussetzung für echten Kontakt. Wer bei sich ist, kann dem anderen begegnen, ohne sich selbst zu verlieren. Wer außer sich ist, kämpft oder flieht.
Bei-sich-sein bedeutet:
– Ich nehme meine Gefühle wahr.– Ich erkenne sie als meine.– Ich darf sie haben, ohne sofort handeln zu müssen.
Diese Haltung verändert Beziehungen. Und sie verändert auch den Umgang mit sich selbst. Denn viele Menschen sind nicht nur im Streit außer sich, sondern auch im Alltag. Sie sind ständig beschäftigt, getrieben, abgelenkt. Allein zu sein fühlt sich unangenehm an. Still zu werden wirkt bedrohlich.
Doch genau dort liegt eine Chance.
Wenn wir uns erlauben, einen Moment lang einfach da zu sein – mit unserer Unruhe, unserer Langeweile, unserer Unsicherheit – beginnt etwas Interessantes: Wir kommen uns selbst wieder näher. Nicht idealisiert, nicht perfekt. Sondern real.
Zu-sich-kommen ist kein einmaliger Akt. Es ist eine wiederkehrende Bewegung. Wir verlieren uns – und wir finden uns wieder. Immer wieder. Das ist kein Versagen, sondern ein menschlicher Rhythmus.
Achtsamkeit ist in diesem Sinne nichts Mystisches. Sie ist die Fähigkeit, diesen Rhythmus wahrzunehmen. Zu merken, wenn wir außer uns geraten – und uns den Weg zurück zu uns selbst zu erlauben.
Und vielleicht ist genau das das Entscheidende:Nicht dauerhaft bei sich bleiben zu müssen.Aber zu wissen, dass man jederzeit wieder zu sich kommen kann.


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